Immer zwei Seiten

Wenn du denkst, was wer denkt…

Unser Gehirn kann uns manchmal ganz schöne Streiche spielen. Es hat die beeidruckende Fähigkeit, aus dem Nichts Krisen zu erschaffen, mit denen wir uns tagelang beschäftigen. Nachdem sie uns unnötig lang den Schlaf geraubt haben verpuffen sie und wir stehen mit nichts da, außer dem ein oder anderen grauen Haar mehr.

Ich habe neulich einem befreundeten Regisseur ausgeholfen und bin spontan bei einem Stück eingesprungen. Der männliche Hauptdarsteller war einen Monat vor der Premiere abgesprungen und nun musste das Stück in kürzester Zeit neu aufgerollt werden.

Die Premiere war für ein Wochenende im Juni angesetzt. An diesem Wochenende waren nun aber auch unheimlich wichtige Proben für ein anderes Stück angesetzt.

Du kannst froh sein, wenn die dich nicht aus dem Stück schmeißen!

Also ging erst mal die Rechnerei los. „Wenn die Vorstellung um 20 Uhr losgeht muss ich frühstens um 17 Uhr anwesend sein.“ — „Zu wieviel Prozent der Probe werde ich wohl wirklich gebraucht?“ — „Wird die Probe überhaupt so lange gehen?“

Dann kam der anstrengende Teil: die Nachricht an den Leiter der Probe. „Heeey, also da ist dieses andere Stück für das ich quasi schon zugesagt habe, ich müsste halt nur zusehen, dass ich so zu fünf von deiner Probe weg kann. Jaaa?“

Und dann? Richtig: nichts. Keine Reaktion. Irgendwann die blauen Häkchen. Gesehen. Aber eine Rückmeldung? Fehlanzeige.

Zeit für mein Gehirn, so richtig in Aktion zu treten. „Shit Mann, der ist garantiert umheimlich sauer! Wie kannst du es auch wagen, dich jetzt nachträglich aus seiner Probe rauswinden zu wollen. Wie dreist bist du eigenlich? Du kannst froh sein, wenn die dich nicht aus dem Stück schmeißen!“

Du bist echt so anstrengend!

Über Tage ging das so. Immer wieder schielte ich auf mein Telefon. Nichts. Ich wusste auch, dass er zur gleichen Zeit noch eine andere Premiere hatte, er garantiert also auch wenig Zeit hatte, sich um meine Frage zu kümmern.

„Warum belästigst du ihn auch mit so was? Lass ihn doch mal in Ruhe seine Arbeit machen. Du bist echt so anstrengend!”

Einige Tage später sind wir einander dann zufällig begegnet. Und was war? Er hat sich vehement bei mir entschuldigt. Dafür, dass er sich nicht mal kurz die paar Sekunden genommen hat mir zu antworten. Es tat ihm Leid. Und das mit dem Termin ging natürlich in Ordnung, ich sollte einfach gehen wenn ich musste.

An beiden Enden dieser Unterhaltung saßen also zwei, die sich schuldig fühlten und dachten, sie hätten Mist gebaut. Und keiner von beiden hatte Recht. Es war einzig die Vorstellung, wie die Nachricht wohl angekommen sein mochte, die uns Kopfzerbrechen bereitete.

Wenn also unser Gefühl der Meinung ist genau zu wissen, wie jemand anderer über uns denkt, sollten wir das ruhig infrage stellen.